Zur Theorie der Systemaufstellung

Systemaufstellung als Code

Die Systemaufstellung bedient sich einerseits - zumindest in ihrer ursprünglichen Form - eines Kollektivs von Akteuren, die gleichsam für eine bestimmte Thematik "ein-stehen". Sie kreiert andrerseits aber auch einen "sozialen" (Kommunikations-)Raum, in dem ein ganz spezifisches Wissen ins Spiel kommt: Das Erfahrungswissen sozialer Systeme. Damit gemeint sind die konkreten Fertigkeiten, das besondere Geschick sowie die sehr eigene Perspektive, aus der heraus Welt beobachtet wird. All dies lässt sich auch unter dem Begriff "implizites Wissen" (Michael Polanyi) zusammenfassen.

 

Nun macht die Systemaufstellung Situationen nicht nur auf einer sprachlichen Ebene transparent. Durch das Medium der "repräsentierenden Wahrnehmung" (Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer) lässt sie soziale Ereignisse in einer substantiellen Weise unmittelbar körperlich in Erfahrung bringen. Dabei werden auch die nicht-verbalen und emotiven Qualitäten vermittelt. Mit der Systemaufstellung ist also gleichsam eine neue Form von Codierung gewonnen, die über die gängigen Codes - Zahlen, Sprache und Bilder - um einiges hinausgeht: Sie beinhaltet zusätzlich eine leiblich-affektive Dimension.


Systemaufstellung als "szenisches Protokoll"

Die Systemaufstellung entspricht in Teilen den von Ralf Bohnsack als "Verfahren der rekonstruktiven Sozialforschung" bezeichneten Methodologien der objektiven Hermeneutik und des narrativen Interviews. Diese haben zum Programm, das "Soziale" direkt, das heisst als eine nicht über Individuen erschlossene Konstruktion, in Erfahrung bringen zu wollen. Ausgegangen wird dabei - gerade beim narrativen Interview - von der Grundannahme einer "Homologie von Erzähl- und Erfahrungskonstitution" (Heinz Bude). Damit ist gemeint, dass ein Erzähler (s)eine Geschichte so wiedergibt, wie er sie erfahren hat: Das heisst, er reproduziert darin seine Erfahrung "in jenen Relevanzen und Fokussierungen, wie sie für seine Identität konstitutiv und somit auch handlungsrelevant für ihn ist". Eine ähnliche, dieser Charakteristik entsprechende Reproduktion individueller bzw. kollektiver Relevanzen vollzieht sich auch im Verlaufe des Zueinander-in-Bezug-Stellens der einzelnen Elemente in den Sequenzen einer Systemaufstellung.

 

So gesehen könnte die Systemaufstellung als "szenisches Protokoll" einer Situation bezeichnet werden. Mit Hilfe einer spezifischen "Lektüre" in Form eines ko-kreativen (Kommunikations-)Prozesses zwischen den Repräsentanten und der die Aufstellung leitenden Person wird eine funktionale Lösung zu einer konkreten Fragestellung herausgearbeitet. In diesem Vollzug werden gerade auch jene "Triebkräfte" expliziert, die einer aufgestellten Situation zu Grunde liegen: Die Ordnungsmomente oder Ordnungsprinzipien.


Der Repräsentant als Resonanzkörper des impliziten Wissens

Wie zum Beispiel das ältere (und darum in Arbeitskontexten vielen auch geläufigere) Rollenspiel gehört die Systemaufstellung zu den szenischen Verfahren. Diese Verfahren bringen mithilfe von Repräsentanten Beziehungsstrukturen in einem dreidimensionalen Raum zur Darstellung. Allein schon dadurch lassen sich diffus scheinende Sachverhalte verdeutlichen. Im Gegensatz zu den Rollenspielen werden aber den Repräsentanten bei der Systemaufstellung keine Handlungsanweisungen gegeben. Denn über Regieanweisungen käme ja wiederum primär das explizite Wissen zum Ausdruck. Die Repräsentanten beziehen ihren "Rollentext" gleichsam durch die im "Spielfeld" möglich werdende "repräsentierende Wahrnehmung": Sie werden für das implizite Wissen buchstäblich zu "Resonanzkörpern". Ihre Körperwahrnehmungen sind die Daten, aus denen sich im Verlaufe des systematischen Abfragens und Umstellens durch einen Aufstellungsleiter ein fundierter Sachverhalt rekonstruieren lässt. Dieser findet seinen Ausdruck weniger als fester Bestand denn als Prozess einer Lösungsentwicklung. Damit unterscheidet sich die Systemaufstellung auch vom (statischen) Soziogramm.

 

Die Aufstellung lässt also eine Art kommunikativen Raum oder „Wissensfeld“ entstehen, aus dem die Repräsentanten den spontanen Zugang zu den tiefer liegenden Schichten einer Fragestellung beziehen. In der Erkenntnis und in der Nutzung des Phänomens, dass in einem Beziehungsgefüge über den spezifischen Platz eines Repräsentanten der unmittelbare Zugang zu einem umfassenden Wissen entsteht, liegt eine der wesentlichen Leistungen der Aufstellungsarbeit.

 

Bis zum heutigen Zeitpunkt gibt es keine konsistente Theorie für diesen Aspekt des dynamischen Diagnoseschemas "Aufstellung". Die oft so eindrücklich beobachtbaren repräsentierenden Wahrnehmungen der als Stellvertreter aufgestellten Personen harren noch einer wissenschaftlich fundierten Begründung. Hinweise auf die Funktionsweise der in Aufstellungen wirkenden "basalen Grammatik" gibt nach neuesten Erkenntnissen die Sprachspiel-Theorie des Philosophen Ludwig Wittgenstein. Andere Erklärungsversuche greifen zurück auf das vom Biochemiker Rupert Sheldrake auf der Basis der Theorie des morphogenetischen Feldes entwickelte Konzept der "morphischen Resonanz". Beide Theorien besagen, dass Systemwissen innerhalb der Beziehungen der Elemente zueinander - also in einer Art (Spannungs-)Feld - und nicht in den Elementen selber eingelagert ist. Die Elemente bringen die Qualität von Beziehungen bloss zum Ausdruck.


Thematisierung von Ordnungsmomenten

Wiederholt gemachte Beobachtungen legen den Schluss nahe, dass in der Aufstellungsarbeit implizites Wissen explizit gemacht werden kann; durch diese Transformation löst die Aufstellung ein wesentliches - vielleicht das zentrale - Postulat des Wissensmanagements ein: Die Antwort auf die Frage nach der Schaffung von neuem Wissen. "Es ist zweifellos wichtig zu verstehen, wie Unternehmen neue Produkte, neue Methoden und neue organisatorische Formen entwickeln. Aber grundlegender noch ist die Frage, wie die Untenehmen neues Wissen schaffen, die diese Entwicklungen möglich macht" (Ikuijro Nonaka und Hirotaka Takeuchi, S. 64).

 

Die Systemaufstellung ist eine Art Rezeptor für soziales Wissen. Sie legt den Blick frei auf jene Erwartungshorizonte, Ordnungsmuster oder Strukturen, die eine bestimmte Praxis begründen bzw. "routinisieren" (Anthony Giddens). Damit macht sie das grundlegende Regelwerk von sozialen Systemen transparent.

 

Die in Unternehmen ausgeprägt geltende Ergebnisorientierung hat indessen zur Folge, dass im Management bezüglich der komplexen Mechanismen, die im Rahmen der Erzeugung von Ergebnissen wirksam sind, eher ein vages Gespür als ein klares Bewusstsein vorhanden ist. Dem Zusammenspiel von basalen Regeln - unter dem Titel "Kultur" wird dieses weniger kritisch reflektiert als pauschal abgehandelt - gilt im Alltagsfall wenig Aufmerksamkeit. Der Beitrag dieser Regeln für das Überleben des Unternehmens als autonome Einheit bleibt unterbelichtet. Gegebenenfalls nehmen die einzelnen Akteure diese zur erfolgreichen Durchsetzung der eigenen Interessen in ihren Dienst; und natürlich sind sie in einem solchen Fall darauf bedacht, sie geheim zu halten.